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10.12.2019

Der Kinderbuchautor Ingo Siegner im Interview

Au-pair ist Völkerverständigung pur

Ingo Siegner ©Johann Geils

Herr Siegner, Sie waren 1989 als Au-pair in Frankreich. Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, Au-pair zu werden?

Ich wollte Französisch lernen. Ich hatte einen Freund in Straßburg, der wenig Deutsch konnte. Ich wiederum sprach nicht gut Französisch. Bei einer Radtour mit einem dritten Franzosen war die Verständigung äußerst schwierig…

War es denn damals schon bekannt, dass auch junge Männer Au-pair werden konnten?

Für Männer war es eher unüblich. Aber ich wusste, dass französische Familien manchmal junge Männer suchten, die sie im Sommer in ihre Sommerhäuser begleiteten. Die lagen oftmals ein wenig einsam, was junge Frauen nicht so gerne mochten. Über die Entraide Allemande habe ich dann eine Familie gefunden, mit der ich für zwei Monate ins Baskenland gegangen bin. Das war ein guter Start. Im Anschluss wollte ich nach Paris vermittelt werden.

War das Interesse an der Sprache der einzige Grund für einen Au-pair-Aufenthalt?

Ich fand kleine Kinder schon immer spannend. Ich hatte zwei kleine Geschwister zu Hause, mit denen ich super gut klar kam. Nachdem meine Mutter gestorben war, hatte mein Vater noch einmal geheiratet und zwei weitere Kinder bekommen. Da war ich zehn und elf Jahre alt. Ich habe den beiden viel vorgelesen und beigebracht.

Und hat Sie der Au-pair-Aufenthalt später auf die Kinderbücher gebracht?

Ja, das ist sicher ein Grund, warum ich später Kinderbuchautor geworden bin. Die „Ausbildung“ fand wohl schon als Jugendlicher statt, wo die Grundlagen gelegt wurden. Da passte es, dass ich nach dem Zivildienst dachte: Was machst du denn jetzt? Ich geh mal ins Ausland. Und was kann man da mit kleinen Kindern machen? Au-pair. So war das.

Wie hat es dann mit den französischen Au-pair-Kindern geklappt?

Nach zwei Monaten konnte ich die Sprache schon gut. Ich betreute einen zwei- und einen vierjährigen Jungen im Baskenland. Der Ältere sprach schon gut Französisch und hat mir viel beigebracht. Der Zweijährige hat es mit mir gelernt.

Und kamen Sie nach dem Sommer in eine Familie in Paris?

Ja, erst war ich in Montreuil, einem östlichen Vorort von Paris. Ich blieb dort aber nur zwei, drei Monate, weil ich mich mit der Frau nicht so gut verstanden habe. Sie war übrigens eine Deutsche, was ich anfangs toll fand und sie auch, aber wir harmonierten nicht. Mit den Kindern war es prima.
Ich fand dann sofort eine neue Familie am Jardin du Luxembourg. Das war dann Stadt pur. Ich lebte in einem hohen Altbau direkt unter dem Dach in einem so genannten Chambre de Bonne: Ein ganz einfaches Dienstmädchenzimmer mit mobiler Dusche und der Toilette auf dem Flur, einem Plumpsklo, das auch von anderen Hausbewohnern benutzt wurde. Neben mir hatte ein 80-jähriger Künstler sein Atelier, und wenn ich zum Fenster hinaus aufs Dach gestiegen bin, hatte ich eine tolle Aussicht auf die Stadt. Das war schon klasse.

Gab es Vorurteile von Familie oder Freunden, die Au-pair für einen Mann eher uncool fanden?

Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich habe aus dem Elternhaus nie Vorgaben bekommen. Im Gegenteil, dort hat man mich zu meinem Alleingang ermutigt. Hauptsache ich machte irgendetwas. Für mich war es wichtig, mal rauszukommen. Mich hat Frankreich interessiert, das Französische, und mit Kindern konnte ich gut umgehen - das war so meine Idee.

In Paris leben ja viele Au-pairs, waren Sie auch in einer deutschen Au-pair-Mädchen-Clique?

Nein, das war ich nicht. Parallel zum Au-pair-Dasein habe ich einen Sprachkurs am Institut Catholique gemacht. Das hatte mit Katholizismus nicht viel zu tun, sondern bot einen ganz normalen Sprachkurs. Ich habe mich mit einer Deutschen und einer Spanierin angefreundet. Wir waren immer zu dritt unterwegs und sprachen hauptsächlich Französisch, um einander zu verstehen. Mit dem Lehrer habe ich mich auch angefreundet und den Kontakt noch lange nach der Au-pair-Zeit gehalten. Ein witziger Typ mit einer netten Frau, der uns auch zu sich nach Hause eingeladen hat.
In meiner Dachkammer habe ich auch Hemingways „Paris – Ein Fest fürs Leben“ gelesen, das mir Freunde zum Abschied geschenkt hatten. Vorne steht ein Satz, der sich mir eingeprägt hat: „Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu sein, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst.“ Das kann ich für mich nur bestätigen: Eine tolle Stadt!

Sind Ihnen manche Franzosen mit Vorbehalten begegnet?

Nein, eigentlich nicht. Meine Gasteltern in Paris arbeiteten beim französischen Fernsehen. Und während meiner Au-pair-Zeit 1989 fiel die Mauer. Die Wiedervereinigung, la Réunification, war in Frankreich ein ganz großes Thema, in der Presse und in den Medien. Weder Mitterand noch die meisten anderen Franzosen waren für die Wiedervereinigung. Mein Gastvater fragte mich, ob ich an eine Wiedervereinigung glauben würde. Ich antwortete ihm, dass diese sehr wahrscheinlich sei. Aber ich wäre auch eher für ein anderes Experiment gewesen… Jedenfalls kann ich mich gut erinnern, wie die Franzosen über die Wiedervereinigung diskutiert haben und sich sorgten, was da wohl heranwachsen würde. Ganz spannend. Im Großen und Ganzen hatten die Franzosen eine positive Einstellung gegenüber uns Deutschen. Wenn sie Französisch sprachen.

Hatten Sie auch nach der Au-pair-Zeit noch Verbindungen nach Frankreich?

Ja, ich habe lange bei einem Reiseveranstalter in Hannover gearbeitet, für den ich oft mit französischen Hotels, Pensionen, anderen Veranstaltern telefoniert habe. Noch heute habe ich viele Freunde und Bekannte in Frankreich, die ich regelmäßig besuche.

Ingo Siegner ©Franz Genz

Ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt, vermutlich auch ins Französische?

Ja, das gab es, aber das passiert jetzt nicht mehr. Über die Gründe kann man spekulieren. Vielleicht hat der Verlag dem einfach nicht so viele Chancen eingeräumt. Er hat nur ein paar kleine, zaghafte Taschenbücher herausgegeben. Vielleicht war der französische Markt für die Art von Kinderbuchliteratur wie den kleinen Drachen Kokosnuss nicht geeignet.

Also haben Sie Ihre Bücher noch nicht vor französischen Kindern gelesen?

Nein. Ich war in Griechenland, Italien und Spanien, wo ich immer wieder Lesungen abhalte. Ich lese dann auf Deutsch und werde von Übersetzern begleitet. Nur in Italien habe ich auf Italienisch gelesen. Das ging, weil ich ja den Inhalt kenne und für mich die Sprache als Romanist kein ganz fremdes Terrain war. Trotzdem war eine Übersetzerin an meiner Seite, um die Fragen der Kinder und meine Antworten zu übersetzen.

Unterscheiden sich die griechischen, italienischen und spanischen Kinder von den deutschen?

Nicht besonders. Das merke ich daran, dass die Kinder eigentlich immer ähnlich reagieren, wenn ich ihnen meine gezeichneten Szenen und Figuren zeige. Sie rufen beispielsweise meist: „Da ist die Maus.“ Ich habe ja immer eine Maus, die ich auf den Bildern verstecke. Und die griechischen Kinder rufen „Podiki, Podiki“ (ποντίκι). Also das ist schon recht ähnlich, aber das ist ja auch schön.
Worin sich die Kinder unterscheiden, ist die Vorstellungskraft für bestimmte Dinge. So zeichne ich am Beginn einer Lesung oft den kleinen Drachen am Strand in einer kleinen Szene, um zu illustrieren, wie ich die erste Geschichte erfunden habe. Dann frage ich die Kinder: „Was könnte ich denn zeichnen, damit man sieht, dass es ein Strand ist?“ Es gibt Gegenden, wo den Kindern dazu nicht viel einfällt, während es in Athen oder Barcelona nur so sprudelt. Genauso ist es, wenn ich in Trier lese und es um die Römer geht: Da können die Kinder ganz viel erzählen. Aber im Humor sind sich die Kinder überall ähnlich.

Spiegelt sich die Au-pair-Idee der Völkerverständigung in Ihren Büchern wider? Die Fressdrachen und Feuerdrachen der „Kokosnuss“-Reihe sind ja verfeindet. Wenn sie sich aber kennen lernen, verstehen sie sich und freunden sich an…

Natürlich kann man sagen, dass jemand, der sein Land verlässt, um woanders hinzugehen und nicht nur jobbt oder einen Studentenaustausch macht, sondern direkt in eine Familie geht und das ganze Leben mit ihr führt, Völkerverständigung pur betreibt. Diese Offenheit und Neugierde habe ich als Au-pair auch mitgebracht. Und es hat ja auch nicht immer geklappt. Die Ansprüche der deutschen Gastmutter konnte ich nicht erfüllen.
Das Gleiche passiert in den Büchern: Der Kokosnuss hört, was über die anderen Drachen gesagt wird und denkt: Da guck ich doch mal selber nach. Und findet dann heraus, dass es gar nicht so stimmt, was die Leute erzählen…
Die Spannung und der Humor sind wichtig in meinen Büchen. Im Moment sitze ich an dem Buch „Kokosnuss in China“ . Ich weiß noch nicht genau, wie ich die Schlussszene auflöse. Meine Drachen haben mit dem gefährlichen chinesischen Drachen einen Angstgegner, der sie zur Suppe verarbeiten will. Nun haben sie diesen furchtbaren Drachen aber schon in alle möglichen Aktionen eingebunden, dass es im Grunde undenkbar ist, von ihm gefressen zu werden. Vielleicht werde ich das am Ende auch so schreiben: „Jetzt kann ich euch gar nicht mehr in die Suppe werfen, denn ich kenne euch ja.“

Das passt ziemlich gut zur Au-pair-Idee des Kulturaustauschs…

Ja, wenn man es genau nimmt. Wie ich wahrscheinlich Kinderbuchautor geworden bin, weil ich früher mein Handwerkszeug mit meinen Geschwistern gelernt habe. So passt die Entscheidung, als Au-pair nach Frankreich zu gehen, in meinen Lebenslauf. Und findet sich wieder in der Art, wie ich Geschichten erfinde.

Viele Abenteuer von Kokosnuss handeln von Begegnungen mit Unbekanntem: von Weltreisen, Römern, dem Nordpol, geheimnisvollen Tempeln…

Ich schreibe in erster Linie ein spannendes lustiges Abenteuer. Auch wenn das emotional und aus dem Bauch heraus erfunden wurde, gibt es immer Zusammenhänge zum eigenen Leben. Ich lebe ja nicht im luftleeren Raum.
In „Der kleine Drache Kokosnuss reist um die Welt“ spiele ich viel mit Klischees: Der Chinese im Buch kann kein R aussprechen und die Indianer haben witzige Stammesnamen. Wenn zum Beispiel das Flugzeug kaputt ist, rufen sie immer „Flotte Schraube“, weil diese am besten mit Motoren umgehen kann. Damit durchbreche ich das Klischee der Squaw, die nur Zelte baut oder Essen kocht. Aber es ist der Versuch, die Völker zu entdecken, deren Eigenheiten und Stärken. Ja und das mache ich als Au-pair ja auch.

Sie haben dann später noch Romanistik studiert?

Ja genau, Romanistik und Geschichte. Das habe ich ziemlich intensiv studiert. Ich habe aber keinen Abschluss gemacht.

Weil Sie dann schon Bücher geschrieben haben?

Nein, das Bafög lief aus. Ich habe die Semestergrenze überschritten. Das Schreiben begann schon im Studium. Ich habe viel Sartre, Camus usw. gelesen. Das war dann auch politisch für mich sehr interessant, wie der Ost-West-Konflikt begann und wie sich die französischen Existenzialisten in zwei Lager teilten: die einen waren Anti-Amerika und die anderen Anti-Russland. Das fand ich hochspannend. Das konnte ich gut mit Geschichte verbinden und so kam es zum Schreiben. So und über die Kinder. Die Idee war, dass ich Schriftsteller werde. Unabhängig zu sein, fand ich super.
Meine belletristischen Versuche waren aber eher unbefriedigend. Durch Zufall bin ich dann zu Kindergeschichten gekommen. Ich habe während und nach dem Studium als Kinderbetreuer gejobbt. Als Au-pair habe ich meinen Gastkindern schon Asterix und Obelix vorgelesen. Die haben sich gekringelt vor Lachen, wie ich das mit Mimik vorgetragen habe. So habe ich viel vorgelesen, und weil die Bücher manchmal langweilig waren, habe ich selbst etwas erzählt…

Für welche Altersgruppe schreiben Sie denn?

Die Abenteuer der Rattenkinder „Eliot und Isabella“, eine Reihe, die langsam wächst, sind für 5-bis 11-Jährige, während für „Kokosnuss“ 3 bis 10 Jahre empfohlen wird. Anfangs habe ich mich immer gewundert, warum so viele kleine Kinder zu meinen Lesungen kommen. Aber es klappt. Gerade bei Kindern, die es gewohnt sind, dass in der Familie älteren Geschwistern vorgelesen wird. Die Kleinen haben einen Mechanismus, dass sie zwar nicht immer alles verstehen, aber verstehen wollen. Es ist für sie nicht schlimm, wenn sie nur die Hälfte verstehen. Sie wissen, da kommt immer wieder eine Stelle, an der sie mitkommen. Und dazwischen schauen sie sich die Bilder an.

Das klingt nach großem Kinderverständnis…

Ja, das hatte ich schon immer durch die Geschwister. Die Kleinen sind ja auch süß. Sie sitzen immer ganz vorne und fühlen sich dort sehr wohl. Einmal hat sich ein Kind bis auf die Unterhose ausgezogen, weil es so warm war. Es stellte sich vor mich und erklärte: „Ich mache es mir jetzt bequem.“ Einmal hatte ich einen Kindergarten und habe aus „Kokosnuss und die Wetterhexe“ vorgelesen. Bei den gruseligen Szenen und haben sich die Kleinen die Augen zugehalten. Und wenn es spannend war und sie trotzdem nichts verpassen wollten, haben sie sich an der Hand gefasst - total niedlich.

Vielen Dank für das Interview, Herr Siegner.

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